Wo die Uhren anders ticken – Indien und seine Kultur

In der letzten Woche beschäftigten wir uns mit dem Phänomen „Kulturschock“ und gaben den Tipp, sich gut mit der Kultur Indiens auseinanderzusetzen, um einen Kulturschock zu überwinden. Mit einem kleinen Abriss zur indischen Kultur möchten wir diese Woche dabei helfen!

Der Kulturbegriff nach Hofstede

Um die indische Kultur verstehen zu lernen, ist es wichtig, sich zunächst allgemein mit dem Begriff Kultur auseinander zu setzen. Wem das zu trocken ist, dem empfehlen wir, bei „1. Machtdistanz“ weiterzulesen. Allen anderen sei gesagt: Der Wissenschaftler Hofstede unterscheidet die verschieden Kulturen durch fünf Grunddimensionen:

  1. Was für eine Distanz hat eine Kultur zur Macht?
  2. Wie sehr toleriert sie Abweichungen von Vorgaben (auch Ambiguitätstoleranz genannt)?
  3. Wie ist die Langzeitorientierung einer Kultur, wie wird geplant und welches Verhältnis hat die Kultur zu dem Faktor Zeit?
  4. Ist sie eher feministisch oder maskulin orientiert?
  5. Ist eine Kultur kollektivistisch oder individualistisch geprägt?

Um die indische Kultur besser kennenzulernen, ist es besonders wichtig, sich mit den ersten drei Fragen zu beschäftigen.

1. Machtdistanz

Die Inder  – soweit man bei der Vielfalt der indischen Bevölkerung von „dem Inder“ sprechen kann – haben traditionell eine große Distanz zur Macht. Das kommt besonders bei Geschäftskontakten nach Indien zum Tragen: Selbst bei für Deutschen scheinbar unwichtigen Fragen per Telefon muss von indischer Seite aus der Chef einbezogen werde, da dieser sich sonst übergangen fühlt. In Deutschland wäre dies bei einem Gespräch zwischen Facharbeitern weder nötig, noch würde der Facharbeiter es als sinnvoll betrachten, schließlich kann der Chef zu Problemen technischer Natur selten einen qualifizierten Vorschlag abgeben.

2. Ambiguitätstoleranz

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Uhren in Indien anders ticken. Während in Deutschland sehr viel Wert auf die langfristige Planung von Terminen und Abläufen gelegt wird, muss in Indien ein Plan vor allem flexibel sein. Deutschen kommen die Inder deshalb oft unstrukturiert und unorganisiert vor. Um diese Mentalität der Inder zu verstehen, hilft Deutschen oft ein Blick auf die Verhältnisse der Infrastruktur in Indien: Stromausfälle, unpassierbare Straßen, Lieferprobleme und Hochwasser sind in Indien um ein tausendfaches häufiger als in Good Old Germany. Während von Deutschen oft bemängelt wird, dass die Inder ein Projekt nicht innerhalb der Deadline fertig gestellt haben, sind die Inder zu recht stolz darauf, dass sie den Großteil des Projektes trotz Stromausfall von zwei Tagen gemeistert haben.

3. Langzeitorientierung

Ein weiterer Grund für die unterschiedliche Auffassung von Zeit ist in Indien auch in der immer noch sehr allgegenwärtigen Religion zu finden. Im Buddhismus, der vorherrschenden Religion, geht man bekanntermaßen von der Wiedergeburt aus. Im Gegensatz zu Deutschland wird Zeit also nicht linear betrachtet, sondern als Kreislauf. Zeit ist etwas wiederkehrendes, der Vertrag kann also auch noch nächste Woche abgeschlossen werden. „Kommste heut nicht, kommste morgen“, nennen das abschätzig die Deutschen.

Vorsicht vor Überheblichkeit

Zugegeben, die indische Kultur ist zur deutschen schon sehr unterschiedlich. Aber trotz aller Unterschiede: Indien ist eine der boomenden Industrienationen der Welt. Schon deshalb sollte man sich davor hüten, von oben herab auf Indien zu schauen, weil bei uns in Deutschland ja alles so viel besser und strukturierter abläuft. Viel mehr lohnt es sich, die Besonderheiten der indischen Kultur zu akzeptieren und zu lernen, sich ihnen anzupassen!

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